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REVIEW — Swiss & die Andern – Grosse Freiheit

Seit Neonschwarz, Sookee und anderen Künstlern der TickTickBoom-Gang, weht ein neues Wort durch die deutsche Musiklandschaft. “Zeckenrap“. Linksorientierte, gerappte Texte, auf üblichen, aber alles andere als schlechten, Beats. Doch wenn ich besagtes Wort und besagte Musik höre, fehlt mir doch immer eine Kleinigkeit. Der Hauch von Punk.

Glücklicherweise wurde diese Lücke jetzt mit ‘Swiss & die Andern‘ geschlossen.

 

Swiss, ein Hamburger Jung, mit Wurzeln in der Schweiz hat in früheren Tagen, meines Erachtens semi-guten Hip-Hop gemacht. Zwar mit gut durchdachten Texten, fehlte es doch irgendwo immer etwas an der Professionalität. Doch aus Fehlern lernt man und entwickelt sich weiter. Gelangweilt vom reinen Rap, inspiriert von seinen Jugendidolen Rio Reiser und Kurt Weill, sowie von der Dreigroschenoper, verschlug es ihn nun zurück zum Punk. Mit seiner neuen Band vermischen ‘Swiss & die Andern‘ nun Rap mit Punk-, Ska- und Reggae-Sounds, wie ich es zuvor noch nicht gehört habe.

 

Seit dem 09.01.2015 steht nun ihr Album ‘Grosse Freiheit‘ in den Regalen. Zum Teil als normale CD mit 10 Songs aber auch in einer Premium Version, in einer hochwertigen Blechkiste, mit 17 Songs auf dem Album, einer zusätzlichen EP, einem Schal (bei amazon) oder einer Wollmütze (Saturn/Media Markt) und vielen anderem Schnick-Schnack, den kein Mensch braucht 😉

 

 

“Ich bin alleine, keiner kann mein Partner werden. Ich will Krieg, doch ihr versteckt euch hinter Gartenzwergen. Ich sag‘ das was darauf brennt endlich gesagt zu werden. Die letzte Zeile ist geschrieben und jetzt darf ich sterben.“

 

 

Kommen wir zu dem Album, das mich jeden Tag mit einem neuen Ohrwurm überrascht hat. ‘Grosse Freiheit‘ startet mit dem Song ‘Der Scheiss is live‘ und es wird direkt klar, hier erwartet dich kein übliches Rap- oder Punk-Album. Gleich zu Beginn beweisen ‘Swiss & die Andern‘, dass sie den perfekten Dreh raus haben, E-Gitarre und Schlagzeug mit Hip-Hop Beats und Rap-Gesang zu vereinen. Textlich wird sich an alle Andersdenkenden, Radikalen, und (vielleicht genau deswegen) Einsamen gewendet. Sound und Gesang bringen die Aggressivität des Songs gut an den Zuhörer.

Inhaltlich sehr ähnlich, geht es in der folgenden Ode ‘Punk zurück‘ weiter mit einem Song an den Punk und gegen die Spießergesellschaft. Unterlegt mit einem Sound, der sich eigentlich recht schwer beschreiben lässt, es mit den Anfangsworten “Bumm Bumm Tschak“ dann aber doch ziemlich genau auf den Punkt trifft. Eins deiner Körperteile wird sich garantiert zum Takt bewegen.

 

 

“Ich wurd‘ getreten, geschlagen und auch überfallen, doch wer sein‘ Stolz hier nicht verliert, behält ihn überall. Ich geh verloren in deinen Straßen, deine Bars sind pure Anarchie. Du bist so Gosse und zur gleichen Zeit auch Bourgeosie.“

 

 

Mit der perfekten Überleitung, der ‘Seemann – Skit‘, folgt das erste ruhige Lied und der erste persönliche Höhepunkt auf diesem Album. Mit dem Song und Album-Namenträger ‘Grosse Freiheit‘ gewährt Swiss, untermalt von verträumten Klängen, einen Rückblick auf sein bisheriges Leben, in Hamburg. Denn es geht wahrscheinlich vielen so. Auch wenn man viel in der Welt unterwegs sein will oder muss, gibt es im Endeffekt immer nur diesen einen Ort. Der Ort an den es dich immer wieder zurück zieht. Der Ort an dem alles sein erstes Mal hatte. Der Ort der dich erzogen hat, dir auf die Fresse gehaun‘ hat und dem du jedem anderen Ort vorziehst, weil dort Menschen sind, die auf dich warten. Auch wenn es hier im speziellen um Hamburg geht, lassen sich viele Parallelen ziehen.

 

Weiter geht’s mit den Songs ‘Fick dich‘ und ‘Claire‘, die beide durch ihre rotzige Präsenz bestechen. Inhaltlich sind es zwei völlig verschiedene Songs und doch haben sie ziemlich viel gemeinsam. Während es in ‘Fick dich‘ heißt …

 

 

“Die schönsten Momente, die kannst du nicht kaufen. Mit Freunden im Park, ein Tag an der See. Man muss nix mehr plan‘ außer spürn‘, dass man lebt. Das Glück liegt nicht darin Kohle zu verprassen, sondern alles Schlechte im Leben einfach loszulassen.“

 

 

… und Swiss im Refrain von ‘Claire‘ singt …

 

 

“Claire, du wirst schon sehn. Irgendwann werd ich auf großen Bühnen stehn. Ja und dann, liebe Claire, dann willst du mich so wie ich dich, denn ich bin populär.“

 

 

… geht es im Großen und Ganzen auch hier wieder um die Ablehnung gegen das Spießer-Dasein, mit ihren Karriereplänen, Bausparverträgen, der 100sten sinnlosen Versicherung, den vielen Clubs und dem ganzen Bling-Bling, in der Schickeria unserer Städte. Swiss nutzt hierfür gern die Worte “Missglückte Welt“.

 

 

“Wegen dir hab ich an die Zahnfee geglaubt. Die Jungs aus’m Viertel lachten mich aus. Aber du hast mir gesagt, dass man immer was zum fest dran glauben braucht.“

 

 

Was folgt ist ein Lied an diese eine Frau, auf die man immer zählen kann, egal was passiert. Mit ‘Herz aus Gold‘ drückt Swiss, in einer sehr persönlichen Art und Weise, seine unendliche Liebe zu seiner Mutter aus. Der Song ist sehr melancholisch und dieser gewisse Druck hinter seiner Stimme, verleiht dem Song eine so glaubhafte Authentizität, dass man sich gut hinein versetzen kann und gern seine Mutter zurück denkt und vielleicht einfach mal das Wort “Danke“ über die Lippen bringen sollte.

 

 

“Generation Tablette. Ich habe ein Problem. Aber im Gegensatz zu euch hab ich es eingesehn‘. Auf der Flucht in die Sucht, komm ich tagelang nicht Heim. Wenn du was hast damit wir fliegen, ja dann sag ich nicht nein.“

 

 

Auch wenn der folgende Song ein ziemlich ernstes Thema beinhaltet, ist vorerst genug der ruhigeren Töne. Als Mensch kommt man gern in Situationen die einem über den Kopf wachsen. Sei es der eigene Leistungsdruck, das Missverständnis der Gesellschaft oder engsten Mitmenschen um dich, die Verflossene oder auch einfach die Produktion eines Albums. Manchmal muss man flüchten und das dazu diverse Hilfsmittel benötigt werden, wird in ‘Generation Tablette‘ auf einer sehr anschauliche Art und Weise besungen. So ernst das Thema seien mag, so erfrischender ist der Ska-Beat der diesen Song begleitet. Hier kann das Tanzbein, auch ohne Tabletten geschwungen werden.

 

 

“Jetzt haben wir ‘nen Bausparvertrag und eine blöde Fotze, die Til Schweiger mag. Jetzt häng ich auf der Couch und schaue Frauentausch und langsam merke ich, ich muss hier nur noch raus.“

 

 

Das Lied ‘Vermisse dich‘ ist bereits weit vor der Albumveröffentlichung bekannt gewesen, ein weiteres Highlight auf der Platte und auch der eigentliche Grund warum ich angefangen hab mich mit der Musik von Swiss auseinander zu setzen. Ironischerweise wurde mir dieser Song von einem Kumpel ans Herz gelegt, mit dem ich vor langer Zeit unendlich viele Punk- und Oi-Konzerte besucht habe. Denn um nichts anderes geht es in ‘Vermisse dich‘. Wer sich in jungen Jahren zum Punk mehr als hingezogen gefühlt hat, doch jetzt das Gefühl hat der Musik und der Szene entwachsen zu sein, wird hier in einen bitterbösen Spiegel schauen. Wo ist die gute alte Zeit geblieben, wo noch alles egal war und der einzige Auftrieb, um den Arsch hoch zu bekommen es war, sich völlig besoffen durch Nächte zu pogen oder auf die Straße zu gehen und gegen dämliche Faschos und diese verdammten Bullen zu rebellieren? Was ist aus uns geworden? Wo sind all die Leue hin? Klar kann nicht alles so wie früher sein. Doch ab und zu sollte man einfach mal entfliehen und ein gewisses Maß an Rebellion kann auch im Alter nicht schaden.

 

Apropos Rebellion. Wie schon erwähnt, ist und war Rio Reiser ein großes Idol für Swiss. Aufgrund dessen, hat er sich entschieden, den Song ‘Der Traum ist aus‘ von Ton Steine Scherben zu covern, was ihm sehr gut gelingt. Rio’s grandiose Texte sollten allseits bekannt sein. Trotz- oder voralledem bekommt ihr hier einen Ausschnitt vom Song. Nicht von ‚Swiss & die Andern‘, sondern von König Rio höchstpersönlich.

 

 

 

 

Weiter geht es mit dem Lied ‘Immer noch‘. Hier taucht Swiss musikalisch wieder etwas mehr in den Hip-Hop ein, was dem Albumablauf aber eine erfrischende Note gibt. Inhaltlich eher das traditionelle Liebeslied, kommt er mit der persönlich lustigsten Liebeserklärung um die Ecke und hat einen Platz in meinem nächsten Liebesbrief sicher. Falls es den geben wird. “Ich bin da für dich, das musst du wissen. Für dich hol ich die Nüsse aus’m Snickers.“ … Grandios. Damit bekommt ihr jede ins Bett!!

 

 

“Ich bin nicht populär und hab kein‘ Einfluss was zu regeln. Krieg doch selber nichts gebacken in meinem eigenen kleinen Leben. Ich würd‘ gern sagen, dass es gut wird, doch wann wird schon alles gut. Erzähl mir wo der Schuh drückt und ich hör dir einfach zu.“

 

 

In ‘Für dich kämpfen‘ holt sich Swiss eine Legende, aus den Zeiten der “Neuen Deutschen Welle“, zur gesanglichen Unterstützung. Bekannt durch ‘Der goldene Reiter‘ oder dem späteren Hit ‘Die Flut‘, passt Joachim Witt’s Reibeisen-Stimme, wie die Faust aufs Auge, zur Stimmung in diesem Song.

Worum es darin geht, erklärt Swiss recht gut in einem Interview:

“Es geht darum, der Freund für jemanden zu sein, der in der Bar neben ihm sitzt. Sie sind die letzten und alle sind gegangen und er sagt: “Ich weiß nicht wie ich dir helfen kann aber ich will, dass du weißt, ich bleib heut mit dir hier.““

Hier werden wieder etwas ruhigere Töne angeschlagen und dieser leicht schunklige Sound, bringt die Bar-Szene, gedanklich gut zur Geltung.

 

Es folgt die ‘Kunst in Deutschland – Skit‘, in der Swiss die Förderung und den Umgang mit Kunst und Künstlern in Deutschland, aufs schärfste kritisiert. Aufgenommen wurde diese Tonaufnahme bei einem Interview für ein Schul-Referat.

Doch weiter mit Musik. Bevor es zum krönenden Abschluss kommt, darf man sich mit ‘Miau‘ und ‘Punkah auf Sri Lanka‘ ein weiteres mal mit feinstem Punkrock-Sound berieseln lassen.

 

 

“Mir fehlt vertraun in eine Zukunft, die es gut meint. Das Licht am Ende des Tunnels kann wieder nur ein Zug sein. Ich versuch nicht es zu verstehn, doch es tut mir nicht mehr weh.“

 

 

‘Miau‘ richtet sich hierbei an alle Menschen, die nur eins wollen. Dir an die Karre pissen. Menschen, die dich vermutlich gar nicht kennen, versuchen alles Negative in deiner Person widerzuspiegeln um ihr Ego zu stärken oder Profit raus zu schlagen. Doch kein Arschloch der Welt hat soviel Aufmerksamkeit verdient. Es darf also herzlichst drauf geschissen werden. Begleitet wird das Lied von sehr unterschiedlichen und schwer zu erklärenden Formen der Gitarrenmusik. Angefangen mit Gitarenriffs der 60er/70er-Jahre á la Rolling Stones geht es über zu dem üblichen Punk-Sound der früheren Jahre und endet mit der Aufforderung zum Mosh-Pit. Sehr abwechslungsreiche Geschichte also.

 

 

“Komm mit mir und lass und gehen, soweit es geht, soweit es uns trägt. Vielleicht könn‘ sie uns nicht ganz verstehn, doch du verstehst und nur das zählt.“

 

 

‘Punkah auf Sri Lanka‘ besticht wiederum mit unverwechselbaren Reggae-Klängen und verwandelt sich nach und nach in ein wunderschönes Pogo-Stück, welches live mit Sicherheit einen Irrsinns Spaß verursacht. Der Songtitel ist hier auch Songinhalt. Ähnlich wie in ‘Vermisse dich‘ und ‘Fick dich‘, wird hier von Ausbruch aus der Gesellschaft geträumt. Weit weg, an einen Strand, wo Pflichten und Sorgen Fremdwörter sind und man einfach mal Mensch sein darf. Nicht der schlechteste Gedanke.

 

Kommen wir zum letzten Song von ‘Grosse Freiheit‘. Mein absoluter Höhepunkt und der gehört ja in den meisten Fällen ans Ende. Mit ‘Asche zu Staub‘ liefert Swiss ein Brett ab, wie ich es lang nicht gehört hab. Er selbst bezeichnet den Song als seinen größten Seelenstrip und damit hat er vermutlich auch recht. Hier offenbart er seinen tiefsten Ängste und Gefühle und bringt diese, mit dem melancholischem Sound in ‘Asche zu Staub‘,  perfekt zur Geltung. Absolute Gänsehaut. Ich habe keine Textstelle vorab ausgewählt. Ich konnte mich für keine entscheiden. Stattdessen möchte ich euch das offizielle Video, hier drunter verlinken und euch den kompletten und für mich stärksten Song präsentieren. Ein krönender Abschluss. Besser kann man ein Album nicht beenden.

 

 

 

 

Fazit: Mit ‘Grosse Freiheit‘ haben ‘Swiss & die Andern‘ ein Album abgeliefert, dass im HipHop-Bereich nicht einfach zu toppen sein wird. Swiss ist den richtigen Weg gegangen und hat mit seiner Band und den dazugehörigen Punkeinflüssen etwas erschaffen, das es so noch kein zweites mal gibt.

Egal ob man es auf Anhieb mag oder nicht. Tut euch den Gefallen, hört die 17 Songs durch und ihr werdet merken, dass ‘Grosse Freiheit‘ nicht spurlos an euch vorbei gehen wird. Seien es die Ohrwürmer oder die Songs, die ganz tief unter die Haut gehen. Meinerseits eine absolute Kaufempfehlung.

Abschließend möchte ich Swiss aus einem Interview des HipHop-Magazins ‘rap.de‘ zitieren. Der perfekte Abschluss für dieses Review.

 

“Kunst muss krass sein! Ohne scheiß, das klingt so Hippiemäßig aber: Ich bin für jedes Jahr, in dem ich Musik machen kann dankbar. Ob ich damit reich werde oder nicht ist mir wirklich nicht wichtig. Ich will irgendwann von diesem Planeten gehen und ein paar Sachen hinterlassen, von denen die Leute noch in 100 Jahren sagen: Das ist mein Anspruch! Etwas, das die Leute in 100 Jahren noch rauskramen und sagen: Schau mal, wie krass! Ich weiß nicht, ob ich diesen Zustand erreichen kann – aber da will ich hin! Ich muss am Ende meiner Karriere nicht ausgesorgt haben und ein dickes Auto fahren. Darauf is’ geschissen!“

 

 

‚Grosse Freiheit‘ ist, inzwischen teilweise begrenzt, unter folgenden Links erhältlich:

RADIKAL EDITION – http://wck.me/63S
PREMIUM EDITION – http://amzn.to/1nPOvdp
STANDARD EDITION – http://amzn.to/1u787wD
ITUNES – http://smarturl.it/GF_Deluxe

SPOTIFY – https://open.spotify.com/artist/3d8f0YBZivistZ4Ohauncb

 

 

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